Ob Dame, Ober, König oder As, schön sind sie alle und verführerisch überdies.
Jasskarten sind bei rund der halben Schweizer Bevölkerung beliebt. Auch in der
Fünften Schweiz dürfte der Anteil der Spielernaturen hoch sein. Doch aufgepasst:
Die Karten verraten die Schweizer Wurzeln jedes Spielers, jeder Spielerin.
Ein Tisch, vier Stühle und 36 Karten genügen in der Regel, um einen vergnüglichen Abend zu
erleben. Jassen bewegt die Gemüter, regt das Denken an und weckt den Ehrgeiz. Zuhause,
im Restaurant, in einer Berghütte, im Militärdienst, auf einem Schiff oder in der Eisenbahn
werden Jassteppiche ausgerollt und Karten auf den Tisch geschmettert. Hieb- und stichfeste
Regeln gibt es nicht. Es empfiehlt sich, die Gesetzmässigkeiten vor Spielbeginn zu klären.
Es geht darum, sich nicht in die Karten schauen lassen, zu bieten oder zu wählen, Farbe zu
bekennen, seine Karten offenzulegen, jemanden auszustechen und Trümpfe zur rechten Zeit
auszuspielen. Doch auch die klügsten Strategien garantieren keinen Sieg: Es macht Spass,
gute Kartenkonstellationen in den Fingern zu haben, doch Übermut tut selten gut, denn oft zeigt
sich, dass sich das Blatt noch wenden kann. Man kann bessere oder schlechtere Karten haben,
sich mit dem Jasspartner, falls man zu zweit spielt, gut verstehen oder auch nicht.
Jassen ist zu 50 Prozent ein Glücksspiel. Ferner sind Konzentration, Geduld und ein gutes Ge -
dächtnis wichtig. "Schachspieler jassen am besten", behaupten leidenschaftliche Jasser,
"sie haben den Weitblick und denken drei Züge voraus."
Was ist es denn, das 3,5 Millionen Schweizerinnen und Schweizer, 60000 davon organisiert,
am Jassen hält? "Ich spiele, weil es mich entspannt", erklärt der selbsternannte Deutschschweizer
Jasspapst Göpf Egg. Jassen ermögliche überdies gute Gespräche. "So gesehen, dient das Jassen
im doppelten Sinn des Wortes der Unterhaltung."
Egg organisierte 30 Jahre lang Jassturniere für Frauen und für Männer, füllt Ratgeberecken in
Zeitungen, bestreitet Radiosendungen, leitet Jassferien im Ausland, unterrichtet Jasskunde, schreibt
Jassbücher und beteiligt sich jassenderweise an Verkaufsmessen. 1965 holte ihn Fernsehmoderator
Kurt Felix an den Bildschirm. Unter Titeln wie "Stöck - Wys - Stich" werden seither regelmässig Jass -
Sendungen ausgestrahlt. Auch am Westschweizer Fernsehen gehören Jass-Sendungen zur Tradition.
Diese Publizität hat offenbar den Appetit des breiten Volks geweckt.
Kartengraben quer durch die Schweiz
Als ob es nicht schon genügend Jass-Gräben gäbe: Drei Viertel der Schweizer Bevölkerung jasst mit
französischen, ein Viertel mit Deutschschweizer Karten. Historisch gesehen deckt sich die Grenze
zwischen Ost und West mit der Grenze zwischen Bern und dem Rest der achtörtigen Eidgenossenschaft
(siehe Karte). Der Kanton Bern übernahm die Tradition der Waadt.
Auch im nahen Deutschland und in Österreich wird mit französischen Karten gespielt. Typischerweise
ist die gesamte Schweiz beim Jassen ein Sonderfall: Überall im Ausland folgt die Zehn auf das As, bloss
bei uns nicht; und nur wir Schweizerinnen und Schweizer jassen rechts herum, alle umliegenden Länder im
Uhrzeigersinn.
Man weiss sehr wenig darüber, wer spielt. Zu beobachten ist, dass ältere Menschen gerne jassen. Doch
wo treffen sie sich? Vor zehn Jahren noch lagen Karten, Kreide und Tafel in fast jedem Schweizer Restaurant
bereit. Heute sind diese Utensilien mitsamt den vielen Jassrunden aus vielen Beizen verschwunden oder
werden nurmehr nachmittags zur Verfügung gestellt. Laut Göpf Egg liegt dies an den verstärkten Promille -
Kontrollen der Polizei - "Wer fährt, trinkt nicht" - sowie, sehr zum Bedauern der Betriebe, am bescheidenen
Alkoholkonsum der Jassenden. Wer jasst, trinkt wenig, mit Vorliebe preisgünstiges Bier oder Sauren Most,
und bleibt lange sitzen. Überdies wird an Jasstischen meist lautstark diskutiert.
Für jedermann politisch korrekt
Als politisch neutrales Spiel vermag der Jass Parteigrenzen zu überschreiten: Von Sozialdemokrat und alt
Bundesrat Otto Stich ist bekannt, dass er jeweils montags Parlamentarier anderer Parteicouleur ins Hotel
Bern zur Jassrunde einlud. Das Geistestraining passte gut, gibt es doch eine klare Gemeinsamkeit zwischen
politischem Kalkül und strategischem Denken beim Spiel: Man muss die Trümpfe erstens haben und zweitens
im richtigen Moment ausspielen...
Doch aufgepasst: In beiden Fällen sind Einzelkämpfer bloss bedingt beliebt. Gewinnen kann letztlich nur,
wer gut mit seinem Partner, seiner Partnerin zusammenspielt. An Varianten dürfte es nicht fehlen:
"Wer jasst, hat im Laufe seines Lebens nie zweimal die gleichen Karten in der Hand", behauptet Göpf Egg.
Und: Es gebe 91 Millionen Möglichkeiten, wie die Karten auf dem Tisch liegen könnten...
Unzählige Jassarten
Vom "Aucho" bis zum "Zuger" weist allein das "Offizielle Schweizer Jassreglement" von Göpf Egg
70 verschiedene Jassvarianten auf. Geht man davon aus, dass eine solche Übersicht nicht vollständig
sein kann, dass die Regeln des gleichen Spiels fast von Jassrunde zu Jassrunde ändern und dass findige
Jasserinnen und Jasser immer neue Spielarten kreieren, ist die Zahl tatsächlich gespielter Jassarten
schier unendlich.
Am häufigsten wird wohl der Schieber zu viert gespielt, bei dem je zwei Spielerinnen oder Spieler
gegeneinander antreten. Aber auch hier gibt es viele Spielarten, angefangen von der Einfachzählweise
auf 1000 Punkte bis zum "Coiffeur" (vom französischen "Quoi faire?": Was machen, welche Trumpffarbe wählen?).
Will man nicht an der Schweizer Jassmeisterschaft teilnehmen, sind der Fantasie beim Jassen also keine
Grenzen gesetzt.